PSYT015 Mandat zur Veränderung

Diesmal waren die drei Psychologen wieder unter sich. Ganz ohne Gast und offizielles Mandat wurde knapp drei Stunden lang zu den Themen Autismus und Veränderung diskutiert. Der Stream hielt trotz höherer Audioqualität – es läuft!

Anlässlich des Welttages des Autismus am 2. April haben wir ausführlich über diese tiefgreifende, angeborene Entwicklungsstörung gesprochen: Was ist frühklindlicher (Kanner-)Autismus, was ist Asperger-Syndrom, und warum macht es Sinn, diese Diagnosen als Teil eines Spektrums zu begreifen – wie es auch in den aktuellen Fassungen der diagnostischen Manuale geschieht? Was hat das ganze mit Intelligenz zu tun? Sind viele Autisten wirklich auch inselbegabt, so wie in den Filmen “Rain Man” oder “Das Mercury-Puzzle”? Inwieweit ist Asperger-Syndrom eine Modediagnose? Was sind die aktuellen Erkenntnisse zum Hintergrund der Störung und was sind Hilfsmöglichkeiten? In diesem Zusammenhang müssen wir (leider) auch auf die Mythen des Zusammenhangs zwischen Impfungen und Autismus eingehen (Stichwort Wakefield-Skandal) sowie sinnlose und gefährliche “Therapieansätze” wie die “Festhaltetherapie” und “Miracle Mineral Solution (MMS)”.

Im zweiten Teil ging es um das Thema Veränderung. Warum jede Veränderung erst einmal Stress verursacht, und wir uns gegen sie wehren, wie wiederholte Veränderungen irgendwann zur Gewohnheit werden, und was das mit unserer Kontrollwahrnehmung zu tun hat. Gleichzeitig suchen wir Veränderung und Abwechslung, weil wir Monotonie ebensowenig aushalten können. Sven berichtete von der Bedeutung der Kommunikation in Veränderungsprozessen in Unternehmen, und wir haben die Themen Führung, Vertrauen und Teamgröße gestreift. Sebastian teilte seine Erfahrungen als junger Vater, und die Veränderung seiner Selbstwahrnehmung. Alexander sprach von seinem bewussten Arbeitsplatz- und Wohnortwechsel. Auch auf die Veränderungen des Psychologie-Studiums im Rahmen des Bologna-Prozesses sind wir eingegangen, wie die Grundlagen der Psychologie “in unserer Zeit” aufgeteilt wurden, und welchen Stellenwert dabei die Entwicklungspsychologie einnahm. Schließlich kamen William James und Richard Wiseman zum Wort, wie man mit dem “Als-ob-Prinzip” persönliche Veränderungen verankern kann. Da gibt sich dann jeder selbst das Mandat.


Kommentare (6) Schreibe einen Kommentar

  1. Ich habe im Rahmen meines Studiums an einer Konferenz zu Autismus an der Universität Siegen teilgenommen bzw beobachtet. Im vorbereitenden Seminar wurden die Aspekte, die ihr angesprochen habt, auch aufgegriffen, besonders griffig fand ich aber die erklärung von Prof. Maria Kron, dass man heutzutage am ehesten von ASS, also Autismus-Spektrums-Störung spricht und dabei quasi von einem breiten Spektrum ausgeht, in dem Autismus sich darstellen kann, dieses erstreckt sich – verkürzt aus meiner Erinnerung von vor 2-3 Jahren – zwischen der einen Seite des frühkindlichen Autismus, der sehr starke Einflüsse hat und häufig beispielsweise damit einhergeht, dass die Menschen nicht sprechen können, und auf der anderen Seite dem Asperger Autismus, wo es vor allen Dingen um Dinge wie Schwächen im Bereich Empathie oder Entschlüsselung von Mimik geht. Das fand ich für mich als Denkmodell sehr hilfreich.
    Mag sein, dass ihr da nach Minute 13 noch drauf eingeht, verzeiht mir dass diese Erinnerung schon so früh zu Monitor gebracht werden wollte.

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    • Ja, wir gehen noch darauf ein. Wir haben bewusst die “alte” Aufteilung erst in den Vordergrund gestellt, weil diese so fest sitzt, um dann besser auf das Spektrum eingehen zu können.

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  2. Ich kann in Sachen Autismus auch noch diesen längeren Text empfehlen. Das Konzept ‘Intense world syndrome’ finde ich als Erklärung passender als manch andere Erklärung.

    Grüße von der (vermutlich gemeinten) Einzelperson

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  3. Disclaimer – mein bester Freund ist Asperger – wir leben seit rund 16 Jahren in einer WG, haben viel dazu gehört/gesehen und viel darüber geredet – ich habe den Kommentar von @querdenkender gelesen und kann seine Kritik nachvollziehen

    Link dazu: http://quergedachtes.wordpress.com/2014/03/31/da-lief-was-schief-uber-einen-podcast-und-3-psychologen/

    Asperger gehören zum Autismusspektrum, schon allein deswegen kann Intelligenzminderung keine allgemeine Autismusvoraussetzung sein – ‘meiner’ ist angenehm intelligent (u. a. Wikipedialeerleser)

    Asperger sind nicht krank – sie sind anders – ich habe noch von keinem Asperger gehört, der sich als krank bezeichnet – ich kann gut nachvollziehen, daß sie solch eine Aussage kränkt.

    Ich gehe davon aus, daß die meisten Asperger im Rahmen ihrer Möglichkeiten bemüht sind sich ‘anzupassen’ – aus eigener Erfahrung weiß ich, daß man sich auf das anders sein sehr gut einstellen kann und somit ein weitestgehend stressfreies Miteinander möglich ist – dieses darauf Einlassen erwarte ich von jedem Menschen im Umgang mit einem Asperger.

    Ich bin mir nicht sicher ob eine Trennung von Asperger und Autismus zielführend ist – durch die Trennung der Themen entstand der Eindruck, daß ihr das trennt (möglicherweise unbeabsichtigt) – mir scheint es eher einen fließenden Übergang zu geben – bin mir dabei aber nicht sicher.

    Eine (Verhaltens-) Therapie für Asperger, die das wünschen, halte ich für angebracht – dabei geht es nicht um ‘Heilung’ sondern um Hilfestellungen bei den Problemen, die ein Asperger zu bewältigen hat. So z. B. gibt es oft Unsicherheit bei insbesondere neuen Kontakten durch die Schwierigkeit Emotionen richtig einzuschätzen – Strategien zu entwickeln, um damit besser umzugehen wird mit Sicherheit eine Verbesserung der Lebensqualität zur Folge haben. ‘Mein’ Asperger versteht an sich alles wortwörtlich aufgrund dessen hat er viele für ihn unverständlichen Sätze auswendig gelernt, um sie nicht misszuverstehen und dann dumm dazustehen – inzwischen hat es soviel Freude daran gefunden, daß wir heute fleißig um die Wette wortkalauern. Was ich damit sagen will – es gibt Problemfelder, aber einige kann man verringern ggf auch mit Hilfe einer darin erfahrenen Person.

    Bedauerlich finde ich auch, daß ihr die oftmals vorhandenen Vorteile von Aspergern nicht erwähnt habt – die Wahrnehmung ist anders und weniger gefiltert (was Teil des Problems ist) – dadurch sind sie uns des öfteren auch ‘überlegen’ was z. B. Strukturerkennung angeht.

    Das der Hoaxmaster zurückhaltend und vorsichtig an ein Thema herangeht ist mir nicht zum ersten mal positiv aufgefallen. Ich möchte euch ermuntern/sensibilisieren es ihm gleich zu tun, denn gerade Betroffene reagieren auf manche Signalworte allergisch – sie haben sie schon zu oft gehört, können sich nicht damit identifizieren und können dadurch verletzt werden. Da mag das noch so oft irgendwo stehen. Mir ist klar das dies, so wie ich euch einschätze, nie absichtlich geschieht und ihr euch auch gerne untereinander relativiert/Aussagen abfedert. Dennoch – denkt bitte immer daran.

    So … das muß jetzt aber auch sein. Ich höre euch von Anfang an und er ist eine wunderbare Bereicherung in meiner Podcastwelt – der Trend zu mehr Struktur und stärkerer Ausrichtung an Themen gefällt mir – vielen Dank für etliche Stunden hochinteressantem Input und guter Unterhaltung.

    euer @blackmac42

    Interessantes dazu:

    Podcast Folge von @rausgehauen: Eine Kurzgeschichte, in der ein junger Mann, der in unserer Welt als völlig normal gelten würde, in einer anderen Welt existiert
    bzw
    Geschichte aus einer Welt in der Asperger der Normalfall sind – das lohnt sich
    http://t.co/98b4pPX3Dc
    http://rausgehauen.bildungsangst.de/rausgehauen/show/rgh002-auf-dem-weg#t=17:37.528

    WISSENSCHAFT IM BRENNPUNKT / Beitrag vom 23.06.2013
    Manuskript: Autist! – da gab’s mal einen Podcast – sch… Depublizierungspflicht
    Eine Diagnose und ihre Wahrnehmung
    http://www.deutschlandfunk.de/manuskript-autist.740.de.html?dram:article_id=250746

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  4. Nur zwei Tage nachdem ich diese Folge gehört habe, bin ich über den Meta-Podcast “Wir hören Stimmen” auf den Blog und Podcast “Realitätsfilter” aufmerksam geworden.

    Dort senden die bekennenden Autisten Hawk und Chris in Interviews zum Thema oder im lockeren Gespräch miteinander. Ich habe zwar erst zwei Folgen angehört, aber es eröffnet sich einem eine veränderte Welt, in die man sich durch das Gespräch der beiden gut hineindenken kann.

    Wen’s interessiert:
    http://podcast.realitaetsfilter.com

    Und Danke für die Sendung!

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  5. Mir ist eins im Kopf hängen geblieben, nämlich diee Frage von Alexander:
    In wie weit besteht eigentlich ein Heilungsbedarf?
    Das ist ein zentraler und wichtiger Punkt wie ich finde.
    Das lässt sich sicherlich für relativ *milde* Formen von Autismus mit *gar keiner* beantworten.
    Ich sehe es auch ähnlich wie Alexander, dass ein “Label ” auch hilfreich sein kann, sich besser auf ein Gegenüber einstellen zu können.
    Die Gefahr des Abstempelns oder des sich-aus-der-Verantwortung-stehlens kann man sicher nicht ganz verhindern, andererseits kann so eine Diagnose ja auch erleichternd sein für Eltern, die Angst haben, erzieherisch zu versagen.

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