PSYT022 Daheim auf der Couch

Nach der letzten Folge in der Ferne ging es diesmal vor allem um die Heimat. Drei Stunden lang drehten sich die Gedanken der drei Psychologen um den Gemeinsinn, um das Gefühl, “zu Hause” zu sein, um Patriotismus und Nationalismus.

Den Einstieg machte eine Hörerfrage, warum einem der Hinweg oft länger vorkommt als der Rückweg – der return trip effect, wozu Sven sogar eine aktuelle Studie zitieren konnte. Nebenbei wurde die aktuelle wissenschaftliche Publikationspraxis ebenso kritisiert wie die Promotionspraxis bei Medizinern, während die Zeitschrift “Psychologie Heute” für ihren ausgezeichneten Podcast-Geschmack gelobt wurde.

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Zu Gast: Jens Eichert

Für das eigentliche Thema der Sendung war Jens Eichert zu Gast, ein Maler (und Lackierer!) aus Bad Segeberg, der mit der Initiative “Bad Segeberg – LEBT” seine Heimatstadt schöner zu machen versucht. Besprochen wurde das Verhältnis von Bürgerinitiativen zu Lokalpolitik ebenso wie die Wirkung sozialer Medien auf die Selbstwirksamkeit und das Phänomen des slacktivism.

In der zweiten Stunde ging es um die Elemente des Gemeinsinns (sense of community), die Definitionen von “zu Hause” und “Heimat” – einem sehr deutschen Phänomen -, um die unterschiedliche Mobilität von Menschen und den Stolz und die Scham dem eigenen Vaterland gegenüber. Etwas weiter gefasst diskutierten die vier die anzustrebende Balance zwischen Selbstvertrauen und Offenheit, die Intoleranz gegenüber Intoleranz und die praktische Relevanz von Jugendarbeit.

Den Auftakt zur letzten Stunde machte wieder eine Hörerfrage: Kann ein kleiner Zwischenfall ein Trauma der eigenen Privatsphäre bewirken? Davon ausgehend ging es um Risikowahrnehmung und die Bedeutung der Medien im Ausländerhass, die allgemeine Angst von Menschen vor Veränderung und Verlust, und schließlich – ein ganz klein wenig – um das Feld der Gemeindepsychologie.


Kommentare (11) Schreibe einen Kommentar

  1. Als Arbeitsloser umziehen ist unterschiedlich bei Akademikern und Leuten von der Hauptschule (Ich weiß nicht, wie ich die Arbeitergruppe anders beschreiben soll)…
    Ich komme aus einer Familie von Heimkehrern, Aussiedlern, Spätaussiedlern. Als wir nach Deutschland kamen, da kamen wir aber so bald es ging in den Ort, wo schon meine Großeltern einige Jahre vorher hingezogen sind. Viele Geschwister meiner Eltern sind in den gleichen Ort oder zumindest ins gleiche Bundesland gezogen, wie wir.
    Wenn man nichts hat, dann braucht man die Unterstützung der ursprünglichen Familie, oder nicht? Besonders, wenn man kleine Kinder hat und noch keine Wohnung, keine Arbeit, die Sprache nicht wirklich kann, sich nicht auskennt wie alles in Deutschland funktioniert usw.

    Ich stelle mir vor, dass es einem anderen Arbeitslosen auch ein bisschen so geht. Ein Umzug ist sehr teuer und man kann die Familie nicht mitnehmen, wenn der neue Lohn nicht für die ganze Familie reicht, man kann aber auch nicht in eine zweite Wohnung ziehen, weil das die Gesamtlebenskosten stark erhöhen würde und man sich Möbel besorgen müsste. Man müsste also zuerst Schulden machen, um die Arbeitsstelle anzutreten und man weiß nicht, ob sich das alles amortisiert, Das kann doch kaum jemand, der einfacher Arbeiter ist, oder?

    Ich bin auch ein Mensch, der nicht so gern umzieht, weil ich nicht so viel Kraft habe für sowas. Ich muss mir zu 100% sicher sein, dass ich da für mehrere Jahre bleibe. Fürs Studium umzuziehen hatte ich kein Problem, weil ich wusste, da werde ich mehrere Jahre verbringen. Für ein Praktikum umziehen, kann ich einfach nicht, das ist viel zu teuer (Lebe in einer recht billigen Stadt).
    Bei einer Arbeitsstelle kann man schnell wieder entlassen werden oder direkt in der Probezeit gekündigt werden und dann war der ganze teure Umzug mit eventuell sogar paar Monaten doppelter Miete, Rennovierung, Arbeitskündigung des Partners, Einschulung der Kinder usw. für die Katz. Akademiker, die das erlebt haben, habe ich auch kennen gelernt. Die Firma hat sich überlegt, dass sie doch kein Geld hat und möglichst viele Leute entlassen.
    Akademiker können sich von Ihrem Gehalt auch eher Kinderbetreuung leisten, schätze ich mal, sodass man die Großeltern, Tanten, Onkel und seine Freunde nicht so extrem dringend ganz nah braucht oder den Großeltern/Eltern in der neuen Wohnung ein Gästezimmer oder ein Schlafsofa anbieten kann, wenn sie beim Umzug helfen oder mit etwas helfen, was gemacht werden muss. Bei arbeitslosen Arbeitern sind die Verwandten und Freunde oft auch arbeitslos oder Arbeiter mit auch nicht so hohem Lohn, nicht? Für sie ist es dann unvorstellbar, dass sie mal ein Bahnticket kaufen oder das Auto tanken und hinfahren, das alles ist auch Geld. Wenn die Wohnung dann winzig ist und man dazu noch ein Übernachtungszimmer bezahlen muss, wird das komplett utopisch.
    Die arbeitslosen Arbeiter, die ich so kenn, bewegen sich extrem selten von ihrem Zuhause weiter als 40 km weg, weil es halt Geld kostet. Ich, als Studentin, habe auch einen sehr kleinen Bewegungsradius und kann mir einen Umzug oder Übernachtungen in anderen Städten nicht leisten.
    Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass ich ins Ausland ziehen würde (außer zu ich ziehe zu jemanden, dem ich vertraue). Ich bin allgemein unsicher und hätte wirklich Angst mich in Bayern (Sprache, Relogion), Baden-Württemberg oder den östlichen Bundesländern zu bewerben, weil ich einfach denke, dass es dort anders zugeht oder sie so anders sprechen, dass ich sie nicht verstehen könnte. Die Hürde so “weit weg” umzuziehen ist wie eine riesige Wand. Da kenn ich ja niemanden, wie soll ich ohne Freunde und Familie überhaupt den Umzug schaffen. Je weiter weg man umzieht, desto schwerer ist es zu organisieren und hinzubekommen. Besonders schwer ist es dahin zu ziehen, wo man noch nie war und wirklich niemanden kennt. Da kann man so viel falsch machen.

    So mir fällt nicht mehr ein. 😀
    Wieder eine tolle Episode! Habt ihr gut gemacht.

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    • Das war auch mein erster Gedanke. Bei Akademikern ist der Zugewinn gegenüber ALGII meist viel höher als für weniger Qualifizierten, was das Aufgeben des Freundeskreises verschmerzbarer macht. Gleichzeitig ist die Arbeitslosenquote unter Akademikern geringer, wodurch sich arbeitslose Akademiker stärker als Versager fühlen dürften. Auch das könnte den Druck erhöhen, auch weit entfernte Job anzunehmen. Ebenso der Umstand, dass sich Akademikerberufe vermutlich für eine Berufs- und Karrieredentifikation stärker eignen und möglicherweise auch mehr Erfüllung bieten. Wenn nach der Uni alle aus dem Freundeskreis wegziehen, wird das Umziehen in der eigenen Vergleichsgruppe auch als normaler betrachtet, was die Mobilität nochmal anhebt. Weitere Faktoren sind denkbar, wie z.B. die Probezeit. Mein (evtl. verzerrter) Eindruck ist, dass Akademiker weniger häufig die Probezeit nicht bestehen als Nichtakademiker. Besteht ein Nichtakademiker mit geringer Qualifikation die Probezeit in einer neuen Stadt nicht, ist das eine finanzielle, familiäre und persönliche Katastrophe. Man hängt ohne Freunde irgendwo fest und hat sich finanziell durch den Umzug verausgabt.

      Soziale Umweltfaktoren haben für mich hier ein größeres Erklärungspotential als psychologische Dispositionen der einzelnen Individuen, in welchen auch schnell mal eine normative Komponente mitschwebt. Ich vermute sehr stark, würden die oben genannten Bedingungen auch für Nichtakademiker gelten, wären diese auch mobiler, bzw. umgekehrt.

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  2. Nur zwei schnelle Zahlen: Ausländeranteil an der Münchner Bevölkerung: 27%, Idioten auf der *gida-Demo: 6.

    Alltagsrassismus: komplett anderes Thema.

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  3. Diese Theorie, dass man nur oft genug mit Ausländern in Kontakt kommen muss, um nicht mehr ausländerfeindlich zu sein, scheint bei mir nich zu ziehen.
    Ich wohne in München (und nicht in Schwabing, Grünwald oder anderen Schickimickinobelvierteln) und komme täglich mit der geballten Wucht der 27 % in Konakt. Und das reicht mir, um sagen zu können, dass ich für eine Politik à la Australien bin.
    Denn ich habe genug von nicht-deutsch-sprechenden Machos, die oft genug nach Schweiß und Knoblauch stinken und von kopftuchbewährten, verhuschten Frauen, bei denen man sich wundert, dass sie überhaupt auf die Straße dürfen und bei denen jegliche Hoffnung auf Integration fahren gelassen werden muss.

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      • +1

        Bei mir ist es sehr gemischt.
        Ich lebe in Berlin und mir begegnen derartige Menschen etwa 50% die ich zu den Biodeutschen zählen würde und 50% anderer Ethnie bis hin zu “Ausländern”.
        Aber ich schaffe es bei diesem Thema gar nicht mehr Chauvinistisch zu denken und zu kategorisieren, seit dem mir auch immer mehr Frauen begegnen, die herb nach Schweiß oder Urin riechen.

        Gruß
        BrEin

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  4. Was ich beim Thema Freizügigkeit und Flexibilität bei der Arbeit von Personen in verschiedenen Milieus gehört habe, stimmt mich etwas traurig.
    Es wirkt so, als hättet Ihr absolut keinen Kontakt zu Leuten niederen Einkommens.
    Wenn dem so ist, sollte mich das sehr wundern, denn erstens macht Ihr ja alle “Was mit Menschen” und zweitens hatte Dr. Lurch bereits anklingen lassen, dass er sich explizit auch um diese Menschen kümmert.

    Er nannte ja explizit das Beispiel eines ALG-II-Beziehers.
    Warum ist das Sebastian, aber auch euch allen, so fremd, dass es bei denen etwas völlig anders ist, für eine Arbeit umzuziehen, als ein gut verdienender Mittelständler oder ein Akademiker?

    Wenn ich mit meinem Studium fertig bin, bin ich Ingenieur. Ich meine sogar ein gut ausgebildeter und hoch qualifizierter. Um das Einkommen als solches werde ich mir wohl keine großen Sorgen machen müssen. Es sei denn, ich definierte mich dadurch und es käme mir darauf an, möglichst viel zu verdienen.
    Bundesweit stehen mir jetzt schon spannende Tätigkeiten und verschiedene Herausforderungen offen. (Ja, etwas durch die Rosarote Brille beschrieben, aber die Tendenz stimmt.)
    Umziehen um vielleicht in der Raumfahrt oder in der Medizintechnik zu arbeiten oder in die Forschung, Wissenschaft und Lehre zu wechseln ist für mich kein Problem.

    Anderes Beispiel: Ein Arzt weiß auch bereits im Grundstudium, dass nicht in jedem Dorf ein Krankenhaus steht, geschweige denn überall Ärzte seines Fachs gesucht werden. Wenn er sich auch noch gesondert spezialisiert hat, wird es noch enger.
    Einem Chirurg (Herz-, Unfall-, Gefäß-) erwarten aber auch besondere und spannende Herausforderungen im In- und Ausland.
    Das ist alles sicher kein Zuckerschlecken, aber weder Einkommen, noch Tätigkeit werden ein Problem sein.

    Bei einem ALG-II-Empfänger sieht das anders aus.
    Was soll er? Aus dem Vogtland nach Oberbayern ziehen um was zutun? Bei Aldi an der Kasse zu stehen, Haare zu schneiden oder zu Kellnern? Für etwas mehr als dem ALG-II-Satz (Mindestlohn)? Vielleicht noch bei gestiegenen Unterhaltskosten (Nicht ungewöhnlich wenn man in eine prosperierendere Gegend zieht)? Und dafür soll er dann seine Sippe aufgeben? Das einzige was er noch hat? Seine Freunde und Verwandte die ihn noch unterstützen, seine gewohnte und vertraute Umgebung und das vielleicht in einem Alter in dem man längst aus der Sturm- und Drangphase heraus ist, anders als nach dem Abi?

    Fassen wir zusammen. Ein Geringverdiener, für denen die Arbeit meist nur Broterwerb und nicht Teil der persönlichen Selbstverwirklichung ist, bei dem auch das Einkommen selbst eher bemessen ist, hat schlicht keinen Grund das einzige aufzugeben, das er hat, sein geographisches und soziokulturelles Umfeld dass ihm noch etwas Halt und Unterstützung gibt.
    Bei diesen finanziellen Aussichten ist auch klar, dass häufige Heimreisen einfach nicht drin sind. Gegenbeispiel: Hier in Berlin habe ich einen Prof. der jedes Wochenende nach München zu seiner Familie pendelt (Flug glaube ich), weil er es dort schöner findet und weil er es sich eben auch leisten kann.
    Diese Möglichkeiten haben Geringverdiener nicht. Wenn diese es schaffen zwei bis drei mal im Jahr nach hause zu fahren (je nach Entfernung), ist das gut. Ein Umstand der nicht zwangsläufig mit dem Abitur oder Studienabschluss zutun hat.

    Wir sehen also, Sebastian vergleicht zwei Lebenswirklichkeiten ohne sie wirklich miteinander zu vergleichen. Ein Umstand, der mich offen gesagt verstört, da eben er ja direkt mit diesen Leuten zutun zuhaben scheint.

    Gruß
    Fabian

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  5. Zum Thema PLOS und die Publikationskosten:

    Es ist noch gar nicht so lange her (5 Jahre), dass PLOS eine no-questions-asked-policy hatte, was die Befreiung von den Kosten anging. So nach dem Motto: Wenn Du Dir den Betrag nicht leisten kannst, weil du z.B. armer Student bist und du keinen mit Zugriff auf Publikationstöpfe ausgestatteten Co-Autor hast, dann sag’ es einfach und du musst die Gebühr nicht bezahlen.

    Inzwischen gibt es bei PLOS immer noch eine Möglichkeit die Gebühren reduziert/erlassen zu bekommen, sie fragen nun aber auch etwas nach. Die aktuellen Bedingungen lesen sich durchaus sehr fair:

    https://www.plos.org/publications/publication-fees/plos-publication-fee-assistance/
    https://www.plos.org/smart_faq/9-what-happened-to-the-plos-no-questions-asked-fee-waiver/

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  6. Englische Worte für Heimat:
    homeland, motherland, native land, native country, home country, motherland, fatherland

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    • Ja, das sind alles Worte für “Heimatland”, aber nicht für “Heimat” im eigentlichen deutschen Sinne. “Home” kommt ansatzweise dran.

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    • Ja, das sind alles englische Begriffe für “Heimatland” / “Geburtsland”, aber nicht im eigentlichen Sinne des deutschen Worts “Heimat”. “Home” kommt da ansatzweise dran, aber auch das nicht ganz.

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